Ein etwas anderes Diskussionsangebot:              Wo ist Kairos ?

Wir Linken sind aufgerufen zum Streit um eine tragfähige Strategie – ohne Schaum vor dem Mund und ohne dogmatischem Festhalten an Gewohnheiten und mit marxistischem Denken, denn die materialistische dialektische Denkweise ist unsere „schärfste Waffe“, wie wir Alten von Marx und Engels gelernt haben. Ich gehöre zu diesen Alten , Mitglied seit 1968 der SED, nach traumatischen Erfahrungen der PDS und der Partei Die Linke. Ich bin Kunsterzieher und Künstler. Seit 1989 bewegen mich die Fragen des politischen Umbruchs und bestimmen meine künstlerischen Intensionen.

„Was habe ich falsch gemacht ?“ „Was haben wir falsch gemacht?“ - wir, das übriggebliebene kleine Häuflein von einst 2,3 Millionen Mitgliedern der „Avantgarde – Partei der Arbeiterklasse“? So sind in 30 Jahren viele zum Teil großformatige Malereien der historischen Niederlage, der persönlichen Sinnsuche, der Trauer und der Wut entstanden.

Jetzt kann ich den Zyklus präsentieren. Nun vollenden sich die Bilder durch den Betrachter. Meine Bilder werden nur dann lebendig, wenn sie öffentlich sind. Der Betrachter hat die Möglichkeit, meine Erlebnisse und Erkenntnisse zu bewerten und seinen Erfahrungen gemäß diese zu teilen, zu ergänzen oder abzulehnen. Das geht nur, wenn er sich einlässt auf die Eigenart meiner Form gewordenen ästhetischen Intension. Nach Jahren unter Verschluss verwahrt, erschließen diese Bilder sich mir selbst aufs Neue :

 

Suchen und Rufen
Suchen und Rufen

2009 entstand das Bild „Suchen und Rufen“. Es hängt zur Zeit in der neuen Geschäftsstelle der Linken. Dem Abgrund zu rasend geht es abwärts . Menschen, einander haltend, schreien ihre Ängste und Sorgen in die Kälte der Zeit, strecken ihre Hände anderen entgegen. 2009 ist neue Hoffnung aufgekommen. An der Spitze der Menschenmasse eine leuchtende Aktfigur – Göttin der Freiheit? Wie schlägt die Waage der Geschichte aus?

Wo ist der entscheidende Einfall für revolutionäres Handeln?  2011 haben wir das Programm dazu, „Was tun“? „Suchen und Rufen“ - ein Bild in meiner thematischen Reihe „Menschheitstraumata“:

die gleichen Abstürzenden, Abgrund ziehende in

Weglaufen I
Weglaufen I

grellem Hell – Dunkel und kältestem Blau gehaltene Grundkonzeption wie auf „Weglaufen“ 1989. 

Der Absturz und das Ende meiner sozialistischen Gesellschaftsordnung ist nur erklärbar in dialektisch gefassten historischem Kontext. Der Verlust meiner Ideale und Werte war traumatisch, der Traum von einem humanistischen Zusammenleben war ausgeträumt , Hoffnungen auf einen Neuanfang von Sozialismus und Demokratie zerschlugen im harten 

 

Weglaufen II
Weglaufen II

Aufprall auf die Realität.

In beiden Fassungen der unmittelbar von der Dramatik der Ereignisse 1989 bestimmten Intensionen als unmittelbarer Antrieb zur Stellungnahme dominiert das Erschrocken sein, das Entsetzen, spitze, aggressive Formen , schreiende Figuren – „das Herz blutet“, die ausgestreckte Hand greift ins Leere. Und immer wieder der Gestaltungsdrang nach einer harmonischen Formgebung, die Aufteilung der Formate strebt einen goldenen Schnitt an – das kommt von Innen.
In einer Ausstellungsrezension schreibt 2010 die Märkische Allgemeine Zeitung über diese Ausstellung: "Ich hatte immer die Vision, wir kriegen einen ordentlichen und menschlichen Sozialismus hin." Harald Herzel sagt "hatte" und bettet in dieses eine Wort seine ganze Tragik. Nur der feinen Selbstironie einer gewissen Ausweglosigkeit ist es zu verdanken, dass hier die Hoffnung zuletzt stirbt : Irgendwo ist es noch, das Fünkchen, das den Schöpfer dieser gebeutelten, verblendeten Figuren nicht aufgeben lässt. Auf den ersten Blick jedoch ist hier Irrenhaus: abstrahierte, nackte Körper, obszön - kraftvolle Sündenfall – Symbolik, Fratzen im wirren Farbspiel, aufgerissene Schlunde, verkniffene Münder, ein Harlekin mit gierigem Blick und schlechten Zähnen.

Überall ausgestreckte Arme, greifende Hände, Klauen, Apokalypse. Und tatsächlich verstecken sich doch mindestens zwei Kreuze in den Bildern. Meine Bilder reflektieren meine ganz persönliche Aufarbeitung unserer Geschichte. So sind meine Bilder auch ein Stück Biographie. Sie sind optimistisch und pessimistisch zugleich. Ganz so, wie der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2009, Claudio Magris, es ausdrückte, der dem scheinbar Unvermeidlichen ein „Hoffen wider aller Hoffnung“ entgegensetzt als Infragestellen, Hinterfragen, Durchleuchten, Retten, Bewahren“.

 

Ausbrechen
Ausbrechen

„Aufbrechen“, „Abstürzen“, „Ausbrechen“ anfangs der 90iger Jahre sind Bilder für unerfüllte Träume und traumatische Ängste, fanden wir übriggebliebenen ehemaligen SED - Mitglieder uns als Schmuddelkinder der Nation wieder, konfrontiert mit den Fehlern eines Sozialismus, den wir so nicht gemeint hatten, und wir entschuldigten uns, suchten nach den Ursachen. Vielleicht können meine Bilder etwas davon sichtbar machen, was in uns vorging, als wir erkennen mussten, dass Sozialismus nur in Demokratie denkbar ist und zwar unteilbar im Sozialen und Freiheitlichen. 

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls war Anlass für meine Ausstellung 2009. Vor 20 Jahren, fast auf den Tag genau war die PDS gegründet worden. Und vor 20 Jahren begann auch die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. Und blutete das Herz, mussten wir unsere eigene Mitverantwortung und unsere Feigheit erkennen. Abfallende Diagonalen und schreiende grelle Farben in starken Kontrasten, Menschen kurz vor dem Abgrund. Aber im Bild „Ausbrechen“ wird diese Dominanz des Zerstörerischen durchbrochen. Der Narr hat zum Selbstbewusstsein zurückgefunden. Diese Bildfindungen sind als ästhetische Reflexion ein Versuch, große politische Fragen mit ästhetischen Mitteln zu gestalten.

 

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1998  Acryl 100 x 85

Das ist Denken in Symbolen und zutiefst erlebte Geschichte. Entsprechend wirkt das Thema aufwühlend expressiv. Ich fasse es mit der Überschrift „Auf der Suche nach Kairos“ zusammen. Der antike Begriff „Kairos“ heißt übersetzt „Der entscheidende Augenblick“, im Chinesischen sowohl „Risiko“ als auch „Chance“. Zugleich ist dieser Titel auch Ausdruck der Demut vor dem großen Thema, die mich immer erneut in Selbstzweifel stürzt. Es sind immer wieder diese bohrenden Fragen: War der Traum vom humanen Zusammenleben falsch? Oder waren wir, war ich, zu feige, zu dumm, nicht auf der Höhe der Zeit?

Die entscheidende Lehre für mich: zur richtigen Zeit die richtigen Fragen zu stellen, den „entscheidenden Augenblick“ zu erkennen, das Richtige tun. 

 

Narr I

1992 Öl 70x5

Tarnen, Kotzen, In die Fresse hauen                      - Trauma  -                                  Trauma II 

1994 Acryl 90x85

 

Im Bild „Tarnen, Kotzen, in die Fresse hauen“ habe ich mein Unbehagen über die falsche Art, uns mit uns auseinander zu setzen und um die richtigen Antworten zu streiten, ausgedrückt. Das war, als ein ehemaliger Kreisvorsitzender meiner Partei, dessen Namen ich seither nicht mehr in den Mund nehmen möchte, uns schnöde im Stich ließ. Leider ist ein solcher Umgang mit uns selbst heute aktueller als je zuvor. 

Das Kairos – Thema bestimmt seit 1989 meine Malerei. Es beginnt mit „Weglaufen“ 1989, es endet mit „Narren des leerlaufenden Fortschritts“ ( Ernst Bloch ), 2019/2020.

Der Narr mit dem Hirtenstab am Abgrund
Der Narr mit dem Hirtenstab am Abgrund

Wo steht die Linke?

Wieder ein Abgrund –„Der Narr mit dem Hirtenstab am Abgrund“ Der Kämpfer ist alt geworden, seine Potenz verglüht. Die einst blutrote Fahne ist verblichen und zerfranst, sozialdemokratisiert. Der Führungsstab nach unten gesenkt. Eine Metapher des Zustandes der Partei. Wir haben Dresche bezogen.

Zum Titel : „Der Vorwärtsträumer in die Weltgeschichte“, Ernst Bloch , träumt von einer Menschheit „ohne Entfremdung in realer Demokratie“, von einer Welt, in der daraus etwas entsteht , „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war : „Heimat“.

 

Blochs positiver Heimatbegriff ist heute von der Rechten vereinnahmt und missbraucht. Aus dem Prinzip Hoffnung des Philosophen wurde Illusion :

 

Wohin fahren die Marxschen Lokomotiven der Revolution? Wer stellt die Gleise und den Kompass in Richtung einer „Assoziation , in der die Freiheit des Einzelnen die Bedingung für die Freiheit aller“ sein wird ? (Kommunistisches Manifest) Wo ist die Utopie? Wo ist die Leidenschaft? Wer beantwortet die Fragen nach Eigentum, Gerechtigkeit, Krieg und Frieden? Was tun? 


Wir müssen nicht am Abgrund verharren. Mein Bildzyklus von 25 Bildern soll ein Debattenbeitrag sein. Vielleicht folgt noch eine Ausstellung. Das Strategie – Positionspapier des Parteivorstandes gibt die Antwort auf all diese Fragen nicht.

Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant
Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant

 

Linke Kritik im Disput setzt sich mit „linkem Wunschdenken“ und „abenteuerlichem Richtungswechsel“ auseinander. Einen tief auslotenden Beitrag liefert Wolfram Adolphi, dem ich gern folgen kann. „Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant“ heißt es in einem Liedtext von Thees Uhlmann. Das ist auch der Titel eines meiner Bilder.

Hallo, liebe Kunstfreunde

Jetzt im reifen Alter, kann ich mich endlich auf das Kunst Machen konzentrieren.

Ich möchte Sie einladen, meine künstlerischen Intentionen und Bilder kennen zu lernen.